„Fotografie sammeln heißt die Welt sammeln“*

Im Rijksmuseum in Amsterdam ist noch bis zum 11. Januar die erste umfassende Schau zur Fotosammlung des berühmtesten Museums der Niederlande zu sehen: Modern Times –  kuratiert von Mattie Boom und Hans Rooseboom.

In sieben thematisch geordneten Räumen gelingt eine Annäherung an die Bestände der Sammlung, an die Geschichte der Fotografie, ihre unterschiedlichen Funktionen und die Personen hinter der Kamera. Wir erfahren, dass im Rijksmuseum erst seit 1975 Fotografie gesammelt wird – das erscheint mit spät und ich bin neugierig, wie das in anderen Museen gehandhabt wurde. Die Faszination und die frühe Funktion, die Ende des 19. Jahrhunderts von dem Medium ausgeht, zeigt sich zu Beginn der Schau in den ganz privaten Aufnahmen eines Kurators, der seine spielenden Kinder aufnahm – und diese Intimität der Sammlung übergab.

Die Präsentation der Fotografien blieb leider eher klassisch – und so war der zweite Raum die einzige stärkere Inszenierung: „World around the corner.“ Umso spannender die Geschichten hinter den starken Porträtaufnahmen, die hier auf einer gesamten Wand gehängt sind. Bilder, die Fragen rund um die politische und gesellschaftliche Funktion von Fotografie behandeln: Das Projekt „Buren“ (Nachbarn) von Stephan van Vieteren zeigte Amsterdams Bewohnerinnen und Bewohner von 1967 und damit ein Blitzlicht der damaligen Gesellschaft. Erschreckend aktuell waren hier die Bilder von Henk Wildschut, der 1967 Flüchtlingsunterkünfte in Calais dokumentierte.

Wie sich das Medium Fotografie durch politische Umstände verändert, wurde sehr deutlich im Abschnitt zu Kriegsfotografie – die einerseits propagandistische Funktion der Bilder wurde kontrastiert mit der überlebensnotwendigen, aber auch lebensgefährlichen Dokumentarfotografie während der deutschen Besatzung der Niederlande (1940-1945). Ab 1944 war Fotografieren verboten. Ikonographisch ist deshalb das Bild von Cornelis Holtzapffel, das einen patrouillierenden Wehrmachtssoldaten in den Straßen Amsterdams zeigt – das Bild wurde einen Monat nach der Befreiung in einer Ausstellung (De ondergedoken Camera) gezeigt und vielfältig publiziert – es symbolisierte die ständige Angst und Beklemmung, auf die Straße zu gehen.

Die Ausstellung ist sehenswert – in erster Linie wegen der gelungenen Verschränkung des thematischen mit einem chronologischen Ansatz und immer wieder dem Versuch in den sehr gut geschriebenen kurzen Objekttexten, einzelne Fotografen näher vorzustellen. Der Nachteil dieser konzeptionellen Entscheidung mag streckenweise der schwach wirkende Erzählstrang sein. Gefehlt hat mir auch eine genauere Einordnung der Sammlung – interessiert hätte mich, wie gesammelt wird: Dann hätten wir vielleicht verstanden, wie die zum Teil wahllos wirkenden Themenräume zustande kamen.

Und nebenbei natürlich: Das Rijksmuseum ist ein Genuss – hier zeigt sich außerordentlich alte und neue wunderschöne Museumsarchitektur – wahnsinnige Sammlungsbestände, viele gelungene Präsentationen, genügend Ruheräume und Kaffeegelegenheiten (ich mochte vor allem den Picknickraum, in dem Selbstmitgebrachtes verspeist und Meisterwerke nachgezeichnet werden können) und wenn man das Ticket online kauft, muss man gar nicht so lange warten, echt nicht…

*Zitat: Susan Sontag

Gute und ausführlicherer Rezensionen hier und hier

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