Neukonzeption des Historischen Museums Marseille

Museen im Wandel – viele Museen sind momentan damit beschäftigt, ihre ständigen Ausstellungen zu überarbeiten und mit neuen Medien die Vermittlung zu verstärken. Ein interessantes Beispiel dafür ist das Historische Museum in Marseille, das ich im April 2015 besuchen konnte. Als Teil der Europäischen Kulturhauptstadt 2013 konnte es nach längerem Umbau wieder eröffnet werden.

Die älteste Stadt von Frankreich kann auf eine 2600 Jahre alte Geschichte zurückblicken und hat heute zwischen modernem Einkaufszentrum und einer spektakulären Ausgrabungsstätte ihr Historisches Museum. Ein fantastischer Ort. Im Vordergrund der Neukonzeption stehen die bedeutende archäologische Sammlung und die immer wieder spektakulären Blickachsen auf den antiken Hafen, sowie ein hoher Medieneinsatz.

Der Eingang des Museums führt durch ein Einkaufszentrum, durchaus mal ein unterhaltsamer Zugang. Das Einkaufszentrum „Centre Bourse“ wurde 1976 gebaut und das Museum darin ist Ergebnis heftigen Bürgerprotests für den Erhalt der archäologischen Ausgrabungsstätte. Das Museum selbst eröffnete 1983. Die beeindruckende Außenanlage erzählt heute von der Geschichte als Handelsstadt. Mit dem Umbau und der Neukonzeption wurde die Ausstellungsfläche auf 6500qm erweitert. Der Bau wurde mit der Neukonzeption erfreulicherweise nicht abgerissen und neu gebaut wie andernorts so beliebt – die Konsequenz ist, dass die Räume für eine zeitgenössische Szenographie schwierig im Umgang sind und einige Objekte nicht so recht zur Geltung kommen, ein Drama ist das aber nicht. Die Gestaltung wurde spürbar didaktisiert: Zahllose Bildschirme ergänzen die historische Objektflut und vermitteln über Filme oder Vertiefungsebenen die Bedeutung der Objekte. Das gelingt meistens (solide) gut: etwa bei der Visualisierung des Stadtmodells oder den personalisierten Geschichten.

 

 

Gut gefiel mir auch die Kinderspur, die zu vielen Themen einen Hands-On Zugang für die (kleinen) Besucher schafft: Es wird mit Muscheln gestempelt, die Cité radieuse von Le Corbusier nachgebaut, eine antike Vase zusammengesetzt oder an Gewürzen gerochen. Ab und zu findet sich auch eine Station für sehbehinderte Menschen, selten jedoch, wie mir scheint. Ich vermute, dass für bestimmte Aspekte der Neukonzeption am Geld gespart wurde: Die Frage der Mehrsprachigkeit wurde leider nicht sehr gut gelöst: Die Bildschirme geben nur auf Französisch Auskunft, eine verschenkte Gelegenheit für das Stadtmuseum. Auch die Objektbeschriftung ist nur einsprachig.

Grundsätzlichen Fragen wurde jedoch bei der Überarbeitung der Dauerausstellung nachgegangen: Unterschiedliche Vermittlungsebenen, Zugänge für Kinder, Inklusion, und ein hoher Medieneinsatz mit unterschiedlichen digitalen Zugängen zur Geschichte. Auf der Website findet sich z.B. eine sehenswerte interaktive Karte und der Hinweis auf einen Augmented Reality Rundgang durch die Stadt.

Schade fand ich, dass dem 18. bis 20. Jahrhundert so wenig Raum gegeben wurde, eine halbe Vitrine und eine verunglückte Ecke zur französischen Revolution und ein sehr rasanter, verkürzter Durchlauf durch das 20. Jahrhundert. Sehr gut gefiel mir hier aber die digitale Datenbank über die „Frauen von Marseille“ und natürlich die Plakatsammlung: Denn wer Marseille sagt, meint auch: Bouillabaisse!

 

 

Zum Weiterlesen:

 

 

 

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Neukonzeptionen überall?

Heute ging es auch im Literaturbüro Freiburg um Neukonzeptionen. Anfang 2016 soll dort aus dem Literaturbüro ein Literaturhaus werden. Auch anlässlich der Neukonzeption gibt es ein Seminar mit Studierenden der Uni Freiburg, geleitet von Martin Bruch und Ann-Christin Bolay, in dem unterschiedliche Literaturhäuser analysiert werden in Bezug auf Programmausrichtung, Orte und Formate. Für den Blick über den Tellerrand wurde ich als Externe eingeladen um Inputs zu Neukonzeptionen im musealen Bereich einzubringen. Ähnliche Fragen wie die Museen beschäftigt auch die Literaturvermittlung: Welche Zielgruppen erreichen wir mit welchen Formaten? Welche diskursiven und kommunikativen Situationen stellen wir her? Welche Stimmung möchten wir erzeugen und vor allem: Welche kulturpolitischen Überzeugungen stehen hinter einer solchen Neuaufstellung? Es geht dabei um die Zukunftsfähigkeit der eigenen Branche: Elitäre Formate und schlecht vermittelte Programme oder Ausstellungen kann man sich sparen, auch wenn das leider viel zu selten geschieht. Die Studierenden fanden den kurzen gedanklichen Ausflug zum Stadtlabor unterwegs und der Neukonzeption des historischen museums frankfurt jedenfalls anregend – der Outreach-Gedanke ist mittlerweile bei vielen Kultureinrichtungen angekommen und inspiriert vielleicht auch weiterhin die Freiburger Literaturvermittlung, wer weiß.